COVERSTORY 1

Schwangerschaft und Röntgendiagnostik

von A. Hojreh

Die radiologische Versorgung der Schwangeren und möglicherweise Schwangeren stellt immer wieder eine Herausforderung für die klinisch tätigen Radiologinnen und Radiologen dar. Wenn gleich die medizinische Strahlenschutzverordnung (§3 und §12 MedStrSchV) bereits die Grundlage für die Versorgung dieser Patientinnen gelegt hat, sind wir in der klinischen Praxis mit Fragen konfrontiert, die nicht immer leicht zu beantworten sind, wie z.B. „Ist es möglich, dass trotz der applizierten Strahlung mein Kind gesund geboren wird?“ oder „Können Sie mir garantieren, dass meinem Kind nichts passiert?“

 

Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das ungeborene Kind eine ständige „Begleitperson“ der schwangeren Patientin ist, und die MedStrSchV(§24) für Begleitpersonen eine maximale effektive Dosis von 3 mSv pro Jahr vorsieht, stellt sich die Frage, wie hoch die fetale Dosis bei unterschiedlichen Modalitäten tatsächlich ist. Auf diese Frage geht LT Dauer und seine Koautoren in J Vasc Interv Radiol 2012 Jan;23(1):19-32 detailliert ein.

 

Abhängig davon in welcher intrauterinen Entwicklungsphase das Ungeborene einer Strahlenexposition ausgesetzt ist, wird das Risiko für die Missbildungen und geistige Retardierung mit unterschiedlichen Uterus-Schwellendosen geschätzt. Für die vererbbaren Defekte und Entwicklung von malignen Erkrankungen gibt es keine Schwellendosis, was bedeutet, dass mit jeder verabreichten Uterusdosis ein vererbbarer Defekt oder eine maligne Erkrankung auftreten könnte, deren Wahrscheinlichkeit mit zunehmender Dosis ebenfalls zunehmen kann (Pränatale Strahlenexposition aus medizinischer Indikation. Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik und Deutsche Röntgengesellschaft und Gesellschaft für Medizinische Radiologie 2002).

 

Es ist aber zu beachten, dass die Wahrscheinleicht des Auftretens einer strahleninduzierten Missbildung oder die Wahrscheinlichkeit an einer strahleninduzierten kindlichen Krebserkrankung zu erkranken, nahezu mit dem Umstand gleich zu setzen ist, wie wenn nie eine intrauterine Exposition stattgefunden hätte (Annals of the ICRP, Publication 84. Pregnancy and Medical Radiation. Ann. ICRP 30).

 

Dennoch beginnt der Strahlenschutz eines Ungeborenen bereits mit der Identifizierung der schwangeren Patientinnen, indem die Patientinnen im gebärfähigen Alter nach einer Schwangerschaft befragt werden. Im Falle einer (möglichen) Schwangerschaft muss dann der Rechtfertigung und der Optimierung bei der Exposition besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, sowohl im Hinblick auf die (möglicherweise) Schwangere als auch im Hinblick auf das ungeborene Kind. (§12 MedStrSchV).

 

Ausgenommen sind allerdings Notfälle, bei welchen das Leben der Patientin in den Vordergrund gestellt wird. Auch muss beachtet werden, dass die Expositionsparameter lückenlos dokumentiert werden, damit eine Abschätzung der fetalen Exposition jederzeit, auch nachträglich, möglich ist.

 

Falls die Anwendung eines Kontrastmittels während der Schwangerschaft erforderlich sein sollte, sind die aktuellen ESUR Richtlinien immer zu beachten.

 

Eine Zusammenfassung der Literatur über die radiologische Versorgung während der Schwangerschaft wurde bereits in „der Radiologe“ 2015 publiziert. Auch das Österreichische Bundesministerium für Gesundheit und Frauen hat 2018 unter der Projektleitung von MR Mag. Manfred Ditto, Leiter der Abteilung III/5 Strahlenschutz, Umwelt und Gesundheit, in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien, ein Leitfaden für die radiologischeVersorgung von Schwangeren publiziert. An diesem Projekt waren die Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin (Dr. Azadeh Hojreh, RT Martina Dünkelmeyer, RT Monika Kaderk, MSc) und das Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik (Prof. DI Dr. Peter Homolka) der MUW beteiligt.

 

Für alle Interessierten sind die untenstehenden Literaturangaben empfehlenswert:

 

  1. Schwangerschaft und Röntgenuntersuchungen. Ein Leitfaden für die radiologische Praxis. Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. Radetzkystraße 2, 1030 Wien. www.bmgf.gv.at
  2. J. M. Fröhlich, R. A. Kubik-Huch. Röntgen-, MR- oder Ultraschall-kontrastmittel während der Schwangerschaft oder Stillzeit: Was ist zu beachten?
    Rofo. 2013 Jan;185(1):13-25. doi: 10.1055/s-0032-1325396. Epub 2012 Oct 29. Review. German
  3. http://www.esur.org/esur-guidelines/
  4. Hojreh A, Prosch H, Karanikas G, Homolka P, Trattnig S. Schutz des ungeborenen Lebens bei diagnostischen und interventionellen radiologischen Verfahren.
    Radiologe. 2015 Aug;55(8):663-72. doi: 10.1007/s00117-015-2816-x. German
 

Link zu Präsentation in Rosenheim


Autorin

 

Dr.in Azadeh Hojreh

Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin
Klinische Abteilung für Allgemeine Radiologie und Kinderradiologie
azadeh.hojreh@meduniwien.ac.at