COVERSTORY II

Neue nicht-invasive MR-basierte Methode zum funktioniellen Scoring von Lebererkrankungen

Erstautoren N. Bastati-Huber & L. Beer
Seniorautor A. Ba-Ssalamah

Für das Staging und die Prognoseabschätzung von Patienten mit chronischen Lebererkrankungen ist üblicherweise eine Leberbiopsie oder eine Messung des portosystemischen Druckgradienten (Hepatic Venous Pressure Gradient; HVPG) notwendig.


Ein Team von RadiologInnen der MedUni Wien (Dr. Nina Bastati-Huber und Dr. Lucian Beer et. al) unter der Leitung von Prof. Ahmed Ba-Ssalamah hat nun in Kooperation mit ihren Kollegen der klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Priv.-Doz. Mattias Mandorfer und Prof. Thomas Reiberger, erstmals nachgewiesen, dass dies künftig auch mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), einer nicht-invasiven Methode, möglich sein kann. Diese rezenten Entwicklungen unterstreichen die Top-Stellung, welche beide Abteilungen in der internationalen Wissenschafts-Community genießen.

 

„Wir haben erstmals nachgewiesen, dass mit Hilfe eines speziellen leberspezifischen Kontrastmittels und der MRT die Funktion der Leber untersucht, der Grad der Leberparenchymschädigung festgestellt wird und somit eine Vorhersage über die Entwicklung einer hepatischen Dekompensation (z.B. Aszites, hepatische Enzephalopathie, Varizenblutung) sowie des Überlebens bzw. der Mortalität getroffen werden kann“, so der Senior-Autor dieser Studie, Ahmed Ba-Ssalamah von der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin. Das Kontrastmittel ist Gadoxetsäure-hältig (Primovistâ), welches über die Venen injiziert und in weiterer Folge über die Leberzellen aufgenommen sowie über die Gallenwege ausgeschieden wird.

 

Gesunde Leberzellen nehmen dieses Kontrastmittel regulär auf. Im Falle eines chronischen Reizes der Leberzellen durch z. B. Entzündung aufgrund einer Hepatitis B oder C Virus- Infektion oder Alkoholismus, kommt es zur Entwicklung einer Fibrose bzw. Zirrhose mit in weiterer Folge Verminderung der funktionsfähigen Hepatozyten und/oder Reduktion der Transporter, welche das spezifische Kontrastmittel in die Leberzellen ein- und abtransportieren. In solch einem Fall ist die Leberfunktion stark beeinträchtigt.

 

Hingegen wird das Kontrastmittel in gesunden Leberzellen gut aufgenommen und die Leber erscheint homogen hell auf den kontrastmittel-verstärkten T1-gewicheteten Sequenzen. Dieser visuelle Unterschied kann mittels funktioneller MRT objektiviert und basierend auf drei Merkmalen, ein semiquantitativer Score, welches ein Minimum von 0 Punkte bis maximal 6 Punkte hat, erstellt werden (Function Liver Imaging Score [FLIS]). Alle drei einfach zu erhebenden Deskriptoren werden in der hepatobiliären Phase (HBP), 20 Minuten nach KM-Gabe bestimmt.   

 

Erstes Kriterium ist die Kontrastierung  der Leber im Vergleich zur rechten Niere, welche mit 2 Punkten gescored wird, wenn die Leber heller, also hyperintenser als die Niere erscheint (dies ist der Normalfall), mit 1 Punkt, wenn die Leber und die Niere gleichermaßen (isointens) kontrastiert sind und mit 0 Punkten, wenn die Leber hypointenser als die Niere erscheint. Das zweite Merkmal, nämlich die Ausscheidung des leberspezifischen KM wird auch mit 0 bis 2 Punkten graduiert. Es werden 2 Punkte vergeben, wenn die Ausscheidung innerhalb von 20 Minuten in die intra-, und extrahepatalen Gallenwege erfolgt, 1 Punkt, wenn die Ausscheidung nur in den intrahepatalen Gallenwegen erkennbar ist und 0 Punkte, wenn keine KM-Ausscheidung eintritt. Das dritte und letzte Zeichen ist die KM-Akkumulation oder das Auswaschen in der V. portae. Hier wiederum bedeutet ein Score von 2, dass die Leber hyperintens, sprich heller als die Portalvene ist, ein Score von 1, dass die Kontrastierung von Leber und Portalvene äquivalent (isointens) sind, und ein Score von 0, dass die Portalvene hyperintenser  als die Leber erscheint.

 

An einer großen Kohorte von Patienten mit chronischen Lebererkrankungen, deren Charakterisierung durch die Hepatologen Priv.-Doz. Mattias Mandorfer und Prof. Thomas Reiberger, wurde der MR-basierte FLIS Score angewandt: In den drei Patientengruppen mit (i) nicht fortgeschrittene chronische Lebererkrankungen, (ii) kompensierte fortgeschrittene chronische Lebererkrankungen und (iii) dekompensierte fortgeschrittene chronische Lebererkrankungen, konnte der FLIS weitere, prognostisch relevante Informationen liefern, indem er eine erhaltene Leberfunktion (FLIS 4 bis 6 Punkte) von einer eingeschränkten Leberfunktion (FLIS 0 bis 3 Punkte) unterscheiden konnte.

 

Score ermittelt Schweregrad und Sterberisiko

In dieser Studie konnte gezeigt werden, dass kompensierte PatientInnen mit einer fortgeschrittenen Lebererkrankung und einem niedrigen FLIS (0-3 Punkte) im Vergleich zu PatientInnen mit einem hohen FLIS (4-6 Punkte) ein 3,7-fach erhöhtes Risiko für die Entwicklung Leber-assoziierter Komplikationen bzw. einer Dekompensation – sprich für die Entwicklung von Aszites, Enzephalopathie oder Varizenblutung - haben. Weiters haben kompensierte und dekompensierte PatientInnen mit fortgeschrittener chronischer Lebererkrankung und einem niedrigen FLIS (0-3 Punkte) im Vergleich zu Patienten mit einem hohen FLIS (4-6 Punkte) ein bis zu 8-fach erhöhtes Risiko zu versterben.

 

Diese im Top-Journal „Radiology“ publizierten Ergebnisse sollen nun im Rahmen einer multizentrischen Studie verifiziert werden. Diese Folge-Studie wird zudem untersuchen, inwiefern die fMRT invasive Methoden zur Beurteilung des Schweregrades der Lebererkrankung ersetzen kann. „Der FLIS mittels funktioneller Magnetresonanztomographie in Kombination mit leberspezifischem Kontrastmittel kann in der klinischen Praxis jedoch schon heute Eingang finden“, so der Senior-Autor der Studie, Prof. Ahmed Ba-Ssalamah.

 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Rahmen der Forschungscluster der MedUni Wien

Die aktuelle Studie basiert auf der interdisziplinären Kooperation zwischen den Universitätskliniken für Radiologie und Nuklearmedizin (Leitung: Prof. Dr. Christian Herold) sowie der Universitätsklinik für Gastroenterologie und Hepatologie (Leitung: Prof. Dr. Michael Trauner) an der MedUni Wien. Im hepatischen Hämodynamiklabor der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie werden jährlich mehr als 350 invasive Messungen des portosystemischen Druckgradienten und Leberbiopsien über die Halsvene durchgeführt. Das hepatische Hämodynamiklabor ist damit eines der weltweit größten seiner Art und das zweitgrößte Zentrum in Europa.

 

 

Die komplette Arbeit finden Sie hier.

 


Radiology
Does the Functional Liver Imaging Score Derived from Gadoxetic Acid–enhanced MRI Predict Outcomes in Chronic Liver Disease?

 

Nina Bastati, Lucian Beer, Mattias Mandorfer, Sarah Poetter-Lang, Dietmar Tamandl,  Yesim Bican, Michael Christoph Elmer, Henrik Einspieler, Georg Semmler, Benedikt Simbrunner, Michael Weber, Jacqueline C. Hodge, Federica Vernuccio, Claude Sirlin, Thomas Reiberger, und Ahmed Ba-Ssalamah

 

Erstautoren

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Dr.in Nina Bastati-Huber
Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin
Medizinischen Universität Wien am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien

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Dr. Lucian Beer
Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin
Medizinischen Universität Wien am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien

Seniorautor

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Ahmed Ba-Ssalamah, MD
Professor of Radiology
Medical University of Vienna
Department of Biomedical Imaging and Image guided Therapy
General Hospital of Vienna (AKH)
Waehringer Guertel 18-20
A-1090 Vienna
Austria