ESUR GUIDELINES

Updated ESUR CMSC Guidelines

von G. Heinz


Die Anzahl der diagnostischen und therapeutischen Kontrastmitteluntersuchungen nimmt seit Jahren stetig zu. Bei diesen Untersuchungen werden Kontrastmittel verwendet, die in Abhängigkeit von ihrem Volumen und vom Status der Nierenfunktion die Inzidenz der Kontrastmittel-induzierten Nephropathie (CIN) erhöhen. Bei eingeschränkter Nierenfunktion können MR-Kontrastmittel zur nephrogenen systemischen Fibrose führen.

Kontrastmittel-Safety-Komitee (CMSC) der Europäischen Gesellschaft für Urogenitale Radiologie (ESUR)

Das CMSC wurde 1994 von der ESUR gegründet und ist frei von jeglichem Einfluss durch Kontrastmittelfirmen. Das CMSC beschäftigt sich intensiv mit der Erforschung der CIN und der nephrogenen systemischen Fibrose (NSF), der Interaktion von Kontrastmitteln mit anderen Arzneimitteln, sowie der sicheren Anwendung von iodhaltigen Ultraschall- und MR-Kontrastmitteln. Die Kontrastmittel-Guidelines des CMSC sind international anerkannt und wurden in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Das CMSC führt regelmäßige Updates der Kontrastmittel Guidelines durch, welche zunächst in peer reviewed Fachjournalen publiziert werden und dann Eingang in die Guideline booklets finden. Ein Update dieser Guidelines (Version 8.0) ist seit Jänner 2013 auf der ESUR Website zu finden oder kann in Form der booklets über das ESUR Sekretariat (ESUR Office, Neutorgasse 9/2, 1010 Wien, Tel. 01-5334064) bestellt werden.

Definition der CIN
CIN ist seit 1999 definiert als Zunahme der Serumkreatininkonzentration um 25% des Ausgangswertes oder um absolut 0.5 mg/dl bzw. 44 µmol/l innerhalb von 72 Stunden nach Kontrastmittel-Applikation bei Fehlen einer anderen Ursache (1).

Diese Definition ist nach wie vor sehr weit verbreitet und erlaubt auch einen validen Vergleich von verschiedenen Studien. Dennoch sind einige Fragen aufgetaucht, die letztendlich ein Update erforderlich machten.
Vom „Acute Kidney Injury Network“ (AKIN) wurden nun 2 separate CIN Endpunkte vorgeschlagen, die sowohl die absoluten als auch die relativen Serum-Kreatinin Veränderungen berücksichtigen (2,3). Deren Vorschlag beinhaltet, dass bereits ein absoluter Anstieg des Serum Kreatininspiegels um ≥ 0.3 mg/dl (26.4 µmol/L) oder ein prozentueller Anstieg um ≥ 50% oder eine Abnahme des Urinvolumens (< 0.5 ml/Kg/h über 6 Stunden) innerhalb von 48 Stunden Ausdruck einer sogenannten AKI (acute kidney injury) sind. Derzeit haben sich diese Empfehlungen noch nicht durchgesetzt. Die überwiegende Anzahl an Publikationen zu diesem Thema favorisiert die ursprüngliche Definition als besser geeigneten Schwellenwert.

Identifikation von CIN-Risikofaktoren
Prinzipiell unterscheidet man zwischen Patienten-bezogenen und Anwendungs-bezogenen Risikofaktoren.
Patientenbezogene Risikofaktoren
In früheren Guidelines wurden erhöhte Serum-Kreatininwerte (besonders in Assoziation mit der diabetischen Nephropathie), Dehydrierung, Herzinsuffizienz, Alter > 70a und konkordante Administration anderer nephrotoxischer Medikamente als Patienten-bezogene Risikofaktoren betrachtet.

Derzeit gibt es eine allgemeine Übereinstimmung, dass eine „chronische Nierenerkrankung“ der größte Risikofaktor in Bezug auf eine CIN zu sehen und als vollständig unabhängig von anderen Risikofaktoren zu betrachten ist (4,5).
Diabetes mellitus sollte nunmehr als unabhängiger Risikofaktor gesehen werden (4,6), obwohl es keinen schlüssigen Beweis gibt, dass Diabetiker mit normaler Nierenfunktion ein erhöhtes Risiko für eine CIN haben. Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion und Diabetes mellitus haben ein höheres CIN Risiko als Patienten mit vergleichbarer eingeschränkter Nierenfunktion.

Dehydrierung gilt weiterhin als anerkannter Risikofaktor, obwohl es nur wenige Studien zu diesem Thema gibt.
Herzinsuffizienz (NYHA 3-4) ist ebenfalls mit einer erhöhten CIN-Inzidenz assoziiert (4,6,7). Darüber hinaus konnte in neueren Studien gezeigt werden, dass auch rezente Myocardinfarkte (innerhalb von 24 h) und eine eingeschränkte Auswurffraktion des linken Ventrikels (LVEF) unabhängige Risikofaktoren sind. Generell kann gesagt werden, dass eine schlechte Herzfunktion einen Risikofaktor darstellt.
Höheres Alter (> 70a) gilt ebenfalls weiterhin als Risikofaktor. Das CMSC empfiehlt in dieser Patientenpopulation die Bestimmung der Nierenfunktion vor jeder KM-Applikation (4,8)
Die gleichzeitige Einnahme anderer nephrotoxischer Medikamente gilt als intuitiv hinsichtlich CIN-Risiko und es gibt hier spärlich „klinische“ Literatur, ist aber im Tierversuch erwiesen (9).

Andere Risikofaktoren, die in rezenten Studien nachgewiesen wurden, beinhalten die hämodynamische Instabilität, Hypotension, Anämie und instabile Nierenfunktion.
Das multiple Myelom wurde früher als Kontraindikation für KM-Applikation betrachtet. Seit Verwendung von hypo- und isoosmolaren Kontrastmitteln gibt es keinen Hinweis, dass das multiple Myelom bei gut hydrierten Patienten mit normaler Nierenfunktion ein Risikofaktor ist (10,11). Allerdings haben Patienten mit multiplem Myelom oft eine eingeschränkte Nierenfunktion.

Anwendungsbezogene Risikofaktoren
Als anwendungsbezogene Risikofaktoren wurden in früheren Guidelines die Verwendung von hyperosmolaren Kontrastmitteln und hohe Kontrastmittelmengen betrachtet.
In den neuen Guidelines findet auch die KM-Anwendungsart Eingang. Studien haben ein eindeutig höheres Risiko von Nierenkomplikationen einschließlich CIN gezeigt nach intraarterieller Applikation von Kontrastmittel oberhalb der Nierenarterien. Die intravenöse KM-Applikation (z. B. im Rahmen einer KM-verstärkten CT) erfolgt üblicherweise in geringerer Dosierung verglichen mit intraarteriellen Untersuchungen, sodass auch geringere Kontrastmittelmengen die Nieren erreichen. Kim et al (12) zeigten in einer CT Studie eine CIN Inzidenz von 0.0%, 2.9% und 12.1% bei Patienten mit einer eGFR von 45-59 ml/min/1.73m2, 30-44 ml/min/1.73m2, und < 30 ml/min/1.73m2.

Diese Ergebnisse wurden auch in anderen Studien bestätigt (13,14). Das CMSC stuft nun das CIN-Risiko nach einer iv. Applikation als geringer ein verglichen mit einer ia. Applikation (bei vergleichbarer Dosierung) und betrachtet nun erst Patienten mit einer eGFR <45 ml/min/1.73m2 als CIN gefährdet bei iv. KM-Applikation. Bei ia. KM-Applikation bleibt der Schwellenwert von < 60 ml/min/1.73m2 aufrecht.
    
ESUR Guidelines on Contrast Media 8.0


eGFR < 45 ml/min is a risk factor for CIN
            after IV administration
eGFR < 60 ml/min is a risk factor for CIN
            after IA administration

Andere anwendungsbezogene Risikofaktoren inkludieren die Wahl des Kontrastmittels (höchstes Risiko bei hyperosmolaren KM), die KM-Dosis und die Anzahl der KM-Untersuchungen.
Metaanalysen von Nephrotoxizitätsstudien mit verschiedenen Kontrastmitteln konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen hypoosmolaren und isoosmolaren Kontrastmitteln bei intravenöser Anwendung nachweisen (15-17).

Aspelin et al. (18) konnte in der NEPHRIC Studie mit ia. KM-Administration bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion und Diabetes mellitus eine geringere CIN-Rate für Iodixanol (Visipaque) im Vergleich zu Iohexol (Omnipaque) nachweisen. Jo et al. (19) konnten diese Ergebnisse bei einem Vergleich Iodixanol und Ioxaglate (Hexabrix – ionisches Dimer!) in der RECOVER Studie bei einzelnen Subgruppen bestätigen. In rezenten prospektiven angiographischen Multicenter Studien konnte kein signifikanter Unterschied zwischen Iodixanol und verschiedenen hypoosmolaren Kontrastmitteln hinsichtlich CIN-Inzidenz gefunden werden (VALOR, CARE, CONTRAST) (20,21).

Das CMSC bleibt daher hinsichtlich Verwendung der Kontrastmittelart bei der ursprünglichen Empfehlung und sieht hier keine Indikation zur Änderung der Guidelines.

Die CIN Inzidenz ist stark mit der KM-Dosis assoziiert. Generell ist aber zu sagen, dass es keine „sichere KM-Dosierung“ bei Risikopatienten gibt. Grundsätzlich sollte die KM-Dosis gemessen an der Iodmenge den Wert der eGFR nicht überschreiten (22).

Auch die Anzahl der Kontrastmitteluntersuchungen hat einen Einfluss auf das CIN Risiko. Obwohl es keine kontrollierten Studien dazu gibt, zeigen Erfahrungen, dass wiederholte KM-Applikationen innerhalb einer kurzen Zeitspanne vermieden werden sollten.
Das CMSC der ESUR empfiehlt einen Zeitraum von 2 Wochen zwischen 2 Kontrastmitteluntersuchungen (übliche Erholungszeit der Nieren bei akuter Schädigung). Wenn aber diese Zeitspanne klinisch nicht vertretbar ist, sollte das Zeitintervall solange sein wie klinisch möglich.

Prophylaktische Maßnahmen:
Rezente Studien und Metaanalysen konnten zeigen, dass die prophylaktische Verwendung von Natrium-Bikarbonat mit einem geringeren CIN Risiko assoziiert ist im Vergleich zur Prophylaxe mit NaCl (23-25). Da in einigen dieser Metaanalysen eine große Inhomogenität der Studien vorliegt, sind die Resultate der Analysen vorsichtig zu bewerten. Es ist allerdings klar, dass Natrium-Bikarbonat einer Prophylaxe mit NaCl nicht unterlegen ist.
Die neuen Guidelines des CMSC berücksichtigen diese Ergebnisse und empfehlen eine CIN Prophylaxe entweder mit NaCl oder Na-Bikarbonat (Class I recommendation, level of evidence C):

  • NaCl: 1.0-1.5 ml/kg/h - 6 Stunden vor und nach KM-Administration
  • NaHCO3: 3ml/kg/h - 1 Stunde vor KM-Administration gefolgt von 1 ml/kg/h bis 6 Stunden nachher


Das NaHCO3 Protokoll ist schneller als das NaCl Protokoll und könnte sich daher bei ambulanten Patienten von Vorteil erweisen.

Orale versus intravenöse Hydrierung:
Orale Hydrierung (1000 ml über 6-8 h vor und 1000 ml über 6-8 h nach KM Applikation) scheint adäquat für Patienten mit

  • eGFR zwischen 30 und 45 ml/min
  • bei iv KM ≤ 100 ml
  • Wenn KM-Dosis ≥ 100 ml → iv Hydrierung


IV Hydrierung (mit Ermutigung zur zusätzlichen oralen Flüssigkeitsaufnahme) bei

  • ia. Administration von KM
  • eGFR < 60 ml/min
  • iv Administration
  • > 100 ml + eGFR 30 to 45 ml/min
  • eGFR < 30 ml/min


Andere pharmakologische Substanzen (z.B. Calciumkanalblocker, Fenoldopam, Dopamin, ANP, Diuretika, Endothelinrezeptor-Antagonisten und N-Acetylcystein) haben in der CIN-Prophylaxe bisher keinen signifikanten Vorteil gezeigt.
Das CMSC sieht die Effektivität dieser Substanzen als unbewiesen und kann daher deren Verwendung in der CIN-Prophylaxe nicht empfehlen (class IIb recommendation, level of evidence A).

KM Applikation bei Patienten unter Metformin

Metformin gehört zu den Biguaniden und ist erste Wahl in der Therapie des nicht insulinpflichtigen Diabetes mellitus, wenn Diät Maßnahmen und sportliche Aktivitäten nicht ausreichen. Früher wurden Biguanide sehr schnell vom Darm absorbiert und der Blutspitzenwert von Metformin wurde 2.5 Stunden nach Einnahme erreicht. Neuere Biguanide sind von einer Polymerschicht umgeben und werden damit verzögert resorbiert, wobei der Blutspitzenwert 7 Stunden nach Einnahme erreicht wird. Innerhalb von 12 Stunden werden 90% von Metformin über die Nieren ausgeschieden. Das Risiko einer Laktazidose ist mit der neuen Generation von Metforminen deutlich gesunken. Rezente Studien zeigten eine Laktazidose-Inzidenz von 4-9 Fälle/100 000 Patienten unter Metformin (26). Diese niedrige Inzidenz hat zu einer Änderung der klinischen Guidelines durch das UK National Institute for Clinical Excellence (NICE) geführt. Metformin kann nun auch bei einem Stadium III der chronischen Niereninsuffizienz verschrieben werden, wobei im Stadium IIIb (30-44 ml/min/1.73m2 ) die Metformindosis reduziert werden sollte, ab Stadium IV (< 30 ml/min/1.73m2) ist Metformin kontraindiziert.

Die neuen CMSC Guidelines der ESUR nehmen Bedacht auf die klinischen Entwicklungen und geben folgende Empfehlung ab:

Elektive Studien:
eGFR zwischen 30-60ml/min

  • iv KM Applikation bei eGFR > 45ml/min – Fortsetzung der Metformin-Einnahme
  • ia. KM-Applikation und
  • iv KM mit eGFR zwischen 30 und 44ml/min – Stopp der Metformin-Einnahme 48 Stunden vor der Untersuchung


Beginn der Metformin-Einnahme 48 Stunden nach der KM Gabe, wenn keine Verschlechterung der Nierenfunktion

Notfalluntersuchungen

  • Bei normaler Nierenfunktion erfolgt die Untersuchung wie bei elektiven Untersuchungen
  • Bei eingeschränkter oder unbekannter Nierenfunktion muss man eine sorgfältige Nutzen/Risiko Abwägung durchführen, ev. auch andere Untersuchungen in Betracht ziehen

Wenn eine KM-Untersuchung notwendig ist, sollten folgende Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt werden:

  • Metformin Therapie beenden
  • Patienten hydrieren
  • Laborparameter monitieren (Serumkreatinin, Serumlactat und pH Wert)
  • Beginn der Metformin-Einnahme 48 Stunden nach der KM Gabe, wenn keine Verschlechterung der Nierenfunktion


Kontrastmittel Applikation in der Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangerschaft und iodhaltige Kontrastmittel:
In Ausnahmefällen, wenn die radiologische Untersuchung indiziert ist, dürfen iodhaltige Kontrastmittel in der Schwangerschaft appliziert werden.
Das CMSC der ESUR empfiehlt die Bestimmung dann die Bestimmung der Schildrüsenfunktionsparameter beim Neugeborenen innerhalb der ersten Woche.

Schwangerschaft und Gadolinium-haltige Kontrastmittel:
Die Datenlage dazu ist spärlich. Bisher wurden bei insgesamt 57 in der Literatur publizierten Fällen keine Nebenwirkungen bei Neugeborenen berichtet, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Gadolinium basierte KM (GBCA) in der zulässigen Dosierung von 0.1-0.2 mmol/kg KG erhalten hat.
Es sollte aber berücksichtigt werden, dass Kontrastmittel plazentagängig sind und einen potentiellen Schaden durch die langsame Ausscheidung bei unreifer Niere hervorrufen können. Eine Ablagerung von freiem Gadolinium im Knochen und anderen Geweben kann somit nicht ausgeschlossen werden.

Daher empfiehlt das CMSC einen sehr restriktiven Umgang mit GBCA in der Schwangerschaft. GBCA sollten in der Schwangerschaft nur bei entsprechender klinischer Indikation gegeben werden und es sollten nur makrocyclische MR-Kontrastmittel mit der niedrigsten Dosierung verwendet werden.
Kommen GBCA in der Schwangerschaft zum Einsatz, brauchen beim Neugeborenen keine speziellen Untersuchungen durchgeführt werden.

Stillzeit und Iodhaltige Kontrastmittel:
Stillen kann normal fortgesetzt werden bei Administration von iodhaltigen Kontrastmitteln

Stillzeit und Gadolinium-haltige Kontrastmittel:
Das Stillen sollte für 24 Stunden ausgesetzt werden, wenn Hochrisikoprodukte verwendet wurden.
Bei schwangeren und stillenden Frauen mit eingeschränkter Nierenfunktion sollte keine Administration mit Gadolinium-haltigen Kontrastmitteln durchgeführt werden. Bei Gabe von iodhaltigen Kontrastmitteln sollten die Guidelines für die CIN beachtet werden, zusätzliche Untersuchungen und Vorkehrungen beim Neugeborenen sind nicht notwendig.

Kontrastmittel und Hyperthyreose

Die Thyreotoxikose kann eine sehr späte Kontrastmittelreaktion sein, welche bis 3 Monate nach KM-Applikation auftritt. In vielen Fällen wird dann auch die Assoziation mit der Kontrastmittelapplikation nicht erkannt oder übersehen.
Iodhaltige Kontrastmittel enthalten freies Iod. Eine 300 mgI/ml Lösung enthält
< 50 µgI/ml freies Iod unmittelbar nach der Produktion und < 90 µgI/ml nach 3 bis 5 Jahren.
Eine 200 ml Flasche mit 300 mgI/ml enthält ~ 7,000 µg freies Iod, ~ 45 mal die empfohlene Tagesdosis.

Risikopatienten für Thyreotoxikose:

  • Patienten mit unbehandelten Mb.Graves
  • Patienten mit multinodulärer Struma und Schilddrüsen-Autonomie, besonders wenn sie alter sind und/oder in einer Jodmangelgegend leben

Empfehlung des CMSC:

  • Keine Applikation von iodhaltigen Kontrastmitteln bei Patienten mit manifester Hyperthyreose.
  • Prophylaxe ist generell nicht notwendig.
  • Bei Hochrisiko-Patienten, sollte eine prophylaktische Behandlung durch einen Endokrinologen erfolgen; das ist besonders relevant in Jodmangelgegenden.
  • Risikopatienten sollten engmaschig vom Endokrinologen kontrolliert werden nach Gabe von jodhaltigen Kontrastmitteln
  • Die Bestimmung von Schilddrüsenwerten vor jeder KM-Gabe wird nicht empfohlen


Kontrastmittel und Isotopenuntersuchungen und Radiotherapie

Die Administration von jodhaltigen Kontrastmitteln interferiert sowohl mit der diagnostischen Szintigraphie als auch mit Radiojodtherapien. Die verminderte Aufnahme des radioaktiven Tracers ist auf das freie Jod in Kontrastmitteln zurückzuführen.
Empfehlung des CMSC:

  • Keine Isotopenuntersuchung der Schilddrüse bis 2 Monate nach Gabe von iodhaltigen Kontrastmitteln
  • Keine Radioiodtherapie bis 2 Monate nach Gabe von iodhaltigen Kontrastmitteln bzw. keine KM-Applikation innerhalb von 8 Wochen vor geplanter Radioiodtherapie.


Die Administration von iodhaltigen Kontrastmitteln kurz nach Injektion des Isotops 99mTc-Pyrophosphat) zur Knochenszintigraphie kann mit der entsprechenden Verteilung dieses Isotops im Körper interferieren, wobei eine verstärkte Aufnahme in der Leber und den Nieren und eine verminderte Aufnahme in den Knochen beobachtet wurde. Außerdem kann es durch den diuretischen Effekt der Kontrastmittel zu einer beschleunigten Elimination des Isostops über den Urin kommen (27).

Gadolinium-haltige Kontrastmittel

Die nephrogene systemische Fibrose gehört zu den Spätkomplikationen bei Applikation von Gadolinium-haltigen Kontrastmitteln. Die Diagnose der NSF erfolgt nach den klinischen und histopathologischen Kriterien des Yale-Registers.
Die Latenz zwischen Kontrastmittelgabe und Auftreten klinischer Symptome kann 2 bis 3 Monate betragen. Manchmal tritt das Krankheitsbild auch erst Jahre später auf. Das CMSC der ESUR hat 2008 Guidelines zur sicheren Anwendung von MR-Kontrastmitteln erarbeitet (ESUR Guidelines on Contrast Media 7.0), die im Guidelines update keiner wesentlichen Änderung bedurften (28,29).

Grundsätzlich werden die Patienten und Kontrastmittel weiterhin in 3 Gruppen eingeteilt:

Patienten mit hohem NSF-Risiko

  • Patienten mit Stadium der Niereninsuffizienz 4 and 5 (GFR < 30ml/min )
  • Dialysepatienten
  • Akute Niereninsuffizienz


Patienten mit niedrigem NSF-Risiko

  • Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz Grad 3 (eGFR 30-59ml/min)


Patienten ohne NSF-Risiko

  • Patienten mit stabiler Nierenfunktion und eGFR > 60 ml/min


GBCA mit hohem NSF Risiko

Gadodiamide (Omniscan®), Gadopentetate dimeglumine (Magnevist® und Generica), Gadoversetamide (Optimark®)

Empfehlung des CMSC der ESUR bei Verwendung von GBCA hohem NSF Risiko

Diese MR-Kontrastmittel sind kontraindiziert bei

    • Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz Grad 4 und 5 (eGFR < 30 ml/min), einschließlich Dialysepatienten

    • Patienten mit akuter Niereninsuffizienz

    • Schwangerschaft

    • Neugeborene

Anwendung mit Vorsicht bei

    • Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz Grad 3 (eGFR 30-60 ml/min)
    • Kinder < 1 Jahr
    • 7 Tage Abstand zwischen 2 Applikationen
    • Stillen: Stop für 24 Stunden


Serum Kreatinin (eGFR) Bestimmung vor jeder Applikation mit Hochrisiko MR-KM:
Verpflichtend
Dosierung niemals > 0.1 mmol/kg pro Untersuchung

Mittleres NSF-Risiko

  • Gadobenate dimeglumine (Multihance®)
  • Ähnliche diagnostische Resultate können aufgrund der Proteinbindung (2-3%) mit niedrigeren Dosierungen erzielt werden.
  • Gadofosveset trisodium (Vasovist®)
  • “blood pool” KM mit Affinität zum Albumin. Diagnostische Resultate können mit der Hälfte der Dosierung im Vergleich zu den üblichen extrazellulären Kontrastmitteln erreicht werden. Die biologische Halbwertzeit ist 12 mal länger verglichen mit extracellulären Kontrastmitteln (18 Stunden versus 1.5).
  • Gadoxetate disodium (Primovist®)
  • Organ spezifisches GBCA mit 10% Protein-Bindung und 50% Exkretion durch Hepatozyten. Diagnostische Resultate können mit niedrigerer Dosierung im Vergleich zu den üblichen extrazellulären Kontrastmitteln erreicht werden.

Geringes NSF-Risiko

  • Gadobutrol (Gadovist®)
  • Gadoterate meglumine (Dotarem®)
  • Gadoteridol (Prohance®)


Empfehlung des CMSC der ESUR bei Verwendung von GBCA mit mittleren und niedrigem NSF Risiko

  • Mit Vorsicht bei eGFR < 30 ml/min
    • Niedrigste notwendige Dosierung
    • Wenn möglich, 7 Tage Zeitintervall bei wiederholten Untersuchungen
    • Schwangerschaft – nur bei Vitalindikation
    • Stillzeit – Patientin einbinden in die Entscheidung
  • Serumkreatinin-Bestimmung (eGFR) vor KM-Administration:

Nicht verpflichtend

“Never deny a patient a clinically well-indicated enhanced MRI examination”
“Always use an agent that leaves the smallest amount gadolinium in the body”

Zusammenfassung

Rezente Kontrastmittel-Studien haben zu neuen Erkenntnissen hinsichtlich sicherer Anwendung von Kontrastmitteln geführt. Das CMSC der ESUR hat daher ein update der Kontrastmittel Guidelines durchgeführt.
Das CMSC ist der Meinung, dass das CIN-Risiko bei intravenöser Administration von iodhaltigen Kontrastmitteln geringer ist als bei intraarterieller Gabe bei vergleichbarer Dosierung und betrachtet eine eGFR < 45 ml/min/1.73 m2 als CIN Risiko bei iv. Administration von iodhaltigen KM. Hinsichtlich Prävention einer CIN erscheint NaHCO3 zumindest gleich effektiv wie NaCl. Die Guidelines bezüglich Verwendung von iodhaltigen Kontrastmitteln bei Diabetikern unter Metformin wurden adaptiert bzw. etwas „gelockert“. Geringe Revisionen gibt es auch in den Guidelines für die sichere Anwendung von Kontrastmitteln in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie im sicheren Umgang mit MR-Kontrastmitteln.
Nachzulesen in den ESUR Guidelines on Contrast Media 8.0 der ESUR (29)


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  29. ESUR Guidelines on Contrast Media 8.0 European Society of Urogenital Radiology 2012


Korrespondenzadresse
Prim. Univ. Prof. Dr. Gertraud Heinz
Institut für medizinische Radiologie, Diagnostik und Interventionelle Therapie
Landesklinikum St. Poelten-Lilienfeld
Email: gertraud.heinz@stpoelten.lknoe.at