INTERVIEW W. HRUBY

Das Billrothhaus und die Gesellschaft der Ärzte

Prof Walter Hruby war von 2015 -2019  Präsident der Gesellschaft der Ärzte. In dieser Zeit hat er mit größtem Einsatz an der Reformierung und Modernisierung der Billrothhauses gearbeitet,  und lässt in einem Gespräch mit Thomas Rand diese Zeit Revue passieren:

 

1. Als Du vor 4 Jahren die Präsidentschaft des Billrothhauses übernommen hast, was war da Deine Motivation?

Es war und ist mein Ziel, das Billrothhaus und die Gesellschaft der Ärzte in Wien im Sinne der Gründerväter, aber dennoch zeitgemäß und zukunftsorientiert zu führen. Ein besonderes Anliegen sind mir die Öffnung zu allen gesundheitsassoziierten Berufen sowie eine effiziente Vernetzung auf allen Ebenen der Wissenschaft. Die Hauptmotivation liegt für mich in der Stärkung und dem Ausbau der ausgezeichneten Beziehungen unsere Gesellschaft zur Österreichischen Ärztekammer sowie zur Ärztekammer für Wien zum Wohle aller Mitglieder sowie die enge Vernetzung mit allen nationalen und internationalen akademischen Einrichtungen.

Auch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit zahlreichen österreichischen Krankenhausträgern wie z.B. dem Wiener Krankenanstaltenverbund mit dem uns eine langjährige Kooperation verbindet sowie mit allen medizinischen Universitäten und Fakultäten, nicht nur aus dem historischen Kontext mit der Medizinischen Universität Wien, war ein zentrales Thema meiner Präsidentschaft und ein wichtiger Impuls für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft. Gerade die Kooperationsvereinbarung zwischen dem Wiener Krankenanstaltenverbund und der Gesellschaft der Ärzte, ursprünglich initiiert von Past President Prim. Univ.-Prof. Dr. Sepp Leodolter sowie KAV Generaldirektor a.D. Dr. Wilhelm Marhold und zuletzt für die Periode 2015 - 2020 verlängert, ist ein richtungsweisendes Beispiel für eine sinn- und nutzvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten. Daher wurde in meiner Amtszeit auch mit Hochdruck an einer vorzeitigen Prolongierung der bestehenden Kooperationsvereinbarung und der damit verbundenen Serviceleistungen gearbeitet.

Besonders lag mir auch die Entwicklung des Billrothhauses am Herzen. Durch meine Initiative konnten wir das Haus gemeinsam in eine zeitgemäße Zukunft führen. Bei der Revitalisierung des medizinhistorischen Baujuwels wurde bewusst auf einen behutsamen Umgang mit der historischen Bausubstanz geachtet. Alle Renovierungs- und Restaurierungsmaßnahmen wurden von professionellen Handwerkern in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt durchgeführt. Dadurch konnten wir das Haus sowohl barrierefrei gestalten als auch technisch adaptieren und gleichzeitig den historischen Eindruck bewahren.

2. Kannst Du uns etwas kurz zur Geschichte der Gesellschaft der Ärzte, zu den Gründungsstatuten und den Leitlinien des BR Hauses berichten.

Die Gesellschaft der Ärzte in Wien ist die älteste medizinische Gesellschaft Österreichs. Die Idee zur Gründung einer Gesellschaft mit dem Ziel der Förderung der Heilkunde als Kunst und Wissenschaft stammt von Franz Wirer, dem Leibarzt von Kaiser Franz I. Eine Vereinsgründung gestaltete sich zur Zeit Metternichs allerdings denkbar schwierig. Nichtsdestotrotz fand am 22. Dezember 1837 in der Universität Wien die lang erwartete Konstituierung der k.u.k. Gesellschaft der Ärzte in Wien statt. Erster Präsident wurde Johann Malfatti. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder wurde seitens der damaligen Regierung zunächst auf 40 Personen eng begrenzt.

Sowohl an der Entstehung der Ersten Wiener Hochquellenleitung als auch an der Entwicklung des modernen Sanitätswesens war die Gesellschaft der Ärzte in Wien maßgeblich beteiligt.

Im Jahr 1893 wurde unter der Präsidentschaft von Theodor Billroth das heutige Vereinshaus in der Frankgasse 8 eröffnet – allgemein als „Billrothhaus“ bekannt.

Zahlreiche berühmte Persönlichkeiten der Geschichte der Medizin, wie Ferdinand von Hebra, Sigmund Freud oder Karl Landsteiner, waren Mitglieder der Gesellschaft und präsentierten ihre bahnbrechenden Ideen erstmals in Sitzungen der Gesellschaft, so z. B. das erste öffentlich vorgestellte Röntgenbild (1896) oder die Entdeckung der Blutgruppenserologie und der damit verbundenen Verleihung des Nobelpreises an Karl Landsteiner. Trotz der vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten, die die Gesellschaft der Ärzte und das Billrothhaus in der Vergangenheit geleitet haben, standen die Freiheit und die Unabhängigkeit der Wissenschaft immer an erster Stelle und damit über tages- und standespolitischen Interessen. Wer mehr über die Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien wissen möchte, dem sei das 2011 erschienene Buch von Karl Heinz Tragl mit dem Titel „Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien seit 1838“ empfohlen.

Auch heute ist die Gesellschaft der Ärzte unverändert aktiv bei allen relevanten allgemeinen öffentlichen Gesundheitsthemen wie z.B. bei der Ärztekammerkampagne „Rettet die Enkel“ welche angeborenen Fett-Stoffwechselstörung thematisiert oder aktuell bei der Impfdiskussion.

3. Du hast sowohl baulich als auch wissenschaftlich das Billrothhaus stark reformiert. Was waren Deiner Meinung nach die bedeutendsten Veränderungen?

Im Billrothhaus lebt neben Tradition und Vergangenheit vor allem auch die Zukunft. In den vergangenen Jahren haben wir uns um eine Professionalisierung der Strukturen bemüht – mit Erfolg, wie ich meine. Zunächst galt es, ein Team talentierter und engagierter Mitarbeiter zusammenzustellen, um die Serviceleistungen des Billrothhauses, d. h. die elektronische Bibliothek, das Literaturservice sowie die wissenschaftlichen Veranstaltungen, auf konstant hohem Niveau anbieten zu können. 2015 haben wir mit der Sanierung des Hauses begonnen. Dank eines Lifteinbaus und der entsprechenden Sanierung der Sanitäranlagen ist das Billrothhaus heute barrierefrei. Das erfüllt uns mit großer Freude. Auch die Veranstaltungs- und Haustechnik wurde modernisiert.

Neben Elektrik, Heizung und Klimatechnik wurde auch in die IT-Infrastruktur investiert: Es gibt einen modernen Datenserver, Glasfaser vom Keller bis zum Dach. Trotz Denkmalschutz verfügen Festsaal, Seminarraum, Bibliothek und Lesesaal über modernste Technik, die sowohl das Aufzeichnen als auch das Online-Streamen von Vorträgen erlaubt. Sämtliche Renovierungsarbeiten wurden bei laufendem Betrieb durchgeführt, termingerecht und ohne böse Überraschungen, was die Kosten betrifft. Wir haben gezeigt, dass in kurzer Zeit vieles möglich ist, wenn man es will. Getreu dem Motto: Nicht ankündigen, sondern machen! So habe ich es mein ganzes Leben lang gehalten.

4. Wohin sollte sich das Billrothhaus in Zukunft weiterentwickeln?

Die Hauptaufgabe der Gesellschaft sehe ich bis heute in der Fort- und Weiterbildung sowie in der Präsentation und Diskussion neuer medizinischer Forschungsergebnisse. Diese Aufgaben wollen wir aber zukünftig nicht nur für Ärztinnen und Ärzte anbieten. Wie bereits erwähnt ist uns die Öffnung der Gesellschaft zu allen gesundheitsassoziierten Berufen ein besonderes Anliegen.

Auch die Weiterentwicklung der online-Services für alle Mitglieder sind ein wichtiger Eckpfeiler unserer Zukunftsstrategie.

Beispielsweise wird die Videoplattform Billrothhaus.TV ständig weiterentwickelt und neben fast 1.700 klassischen Beiträgen, stehen seit Mitte Oktober 2017 für Mitglieder auch kompakte Zusammenfassungen aller Vortragsvideos der Eigenveranstaltungen als „Science Flash“ zur Verfügung. Der Science Flash enthält das Wichtigste in Kürze und bietet damit einen optimalen Überblick über die gesamte Veranstaltung.

Weiters werden für alle Besucher der Website rund dreiminütige Kurzzusammenfassungen der einzelnen Veranstaltungen als Teaser-Videos angeboten. Der Teaser gibt einen kurzen Einblick, ohne zu viele Details vorwegzunehmen. Ausgewählte Vorträge werden zu DFP-approbierten Video- bzw. E-Learning- Modulen weiterentwickelt. Diese qualitätsgesicherte, mobile Art der Fortbildung ist auf das zunehmend eingeschränkte Zeitbudget und die aktuellen Kommunikationsbedürfnisse der Ärzte abgestimmt. In diesem Bereich innovativer Weiterbildung möchten wir uns in Zukunft noch stärker als bisher engagieren.

 

5. Du hast ja auch einiges im wahrsten Sinne des Wortes „entstaubt“.

Wie siehst Du die Bedeutung und Attraktivität des Billrothauses für unsere jungen und ganz jungen Kollegen?  Sind diese genügend vertreten, oder besteht hier noch „Verjüngungsbedarf“.

 

Die Gesellschaft der Ärzte bietet für Studierende der Human- und Zahnmedizin sowie KPJ und PhD-Studenten (mit abgeschlossenem Medizinstudium) vergünstigte Studentenmitgliedschaften an. Im ersten Jahr sind diese sogar kostenlos. Das Interesse an der Gesellschaft spiegelt sich in den vielen Neuanmeldungen während meiner Präsidentschaft wieder. Die Angebote und Serviceleistungen sind für Studierende von allen österreichischen medizinischen Fakultäten und Universitäten von Interesse und zeigen, dass das Billrothhaus als Plattform für Kommunikation und Wissenstransfer Jung und Alt begeistert und auch überregional wahrgenommen wird.

Für frischpromovierte Jungmedizinerinnen und Jungmediziner bieten wir DFP-zertifizierte Fortbildungen an, die den Einstieg in einen sehr fordernden Beruf erleichtern. Natürlich ermöglicht das letzte klinisch praktische Jahr einen hilfreichen, realistischen Einblick in den klinischen Alltag, jedoch reicht die Zeit bei weitem nicht aus, um alle ärztlichen Tätigkeiten in jedem Fach kennenzulernen.

Mit unserer Workshopreihe „JungmedizinerInnen am Start“ haben wir ein Angebot für den medizinischen Nachwuchs geschaffen, das begeistert angenommen wird.

Im Rahmen dieser Fortbildung geben Expertinnen und Experten ihre praxisnahen Erfahrungen im Rahmen interaktiver Seminare an den medizinischen Nachwuchs weiter.

Die hohe Nachfrage und das hervorragende Feedback sind für uns ein großer Ansporn und zeigen, dass die Gesellschaft mit Angeboten für die jungen Kolleginnen und Kollegen den Nerv der Zeit punktgenau getroffen hat.

6. Wie geht es aktuell weiter mit dem Billrothhaus??

Am 20. März 2019 wird bei der Jahreshauptversammlung ein neues Präsidium gewählt. Der vorliegende Wahlvorschlag stimmt mich positiv, dass wir auch in Zukunft den eingeschlagenen Kurs beibehalten. Das Billrothhaus sollte meiner Meinung nach weiterhin als multifunktionales Tagungszentrum beworben werden. Durch nachhaltige Investitionen muss die Attraktivität weiter gesteigert und das Haus auch in technischer Hinsicht behutsam weiterentwickelt werden. In diesem Zusammenhang darf ich auf die bereits geplante und budgetierte Sanierung der Lüftungs- und Klimatechnik, der Veranstaltungstechnik im gesamten Haus sowie der Sanierung der Außenfassade hinweisen. Auch die Ideenentwicklung, Recherche und Konzeption der Fassadengestaltung wurde beispielsweise noch in meiner Amtszeit beschlossen.

Das zukünftige Präsidium wird natürlich auch die Weiterentwicklung der Gesellschaft der Ärzte in wissenschaftlicher Hinsicht vorantreiben, und ich freue mich schon sehr auf die zahlreichen neuen Ideen und die zusätzlichen Serviceleistungen die in Zukunft vor Ort im Billrothhaus und auch online für alle Mitglieder angeboten werden. Wie bereits erwähnt, steht vor allem die Intensivierung der Zusammenarbeit mit allen Universitäten und mit allen Krankenhausträgern und vor allem die vorzeitige Prolongierung der bestehenden Kooperationsvereinbarung zwischen dem Wiener Krankenanstaltenverbund und der Gesellschaft der Ärzte im Mittelpunkt der kommenden Präsidentschaft.