MEDIZINSTUDIUM IN WIEN

Medizinstudium in Wien: Studenten kommen bald in radiologische Lehrkrankenhausabteilungen

Ein Interview mit Prof. Dr. Franz Kainberger von dertl_files/uploads/News/News 02 2012/Dez2011.jpg

Universitätslinik für Radiodiagnostik in Wien.









Warum sind die Entwicklungen im Medizinstudium in Österreich gerade jetzt für die Radiologie von aktueller Bedeutung?


Das Wissenschaftsministerium hat vor einigen Jahren alle staatlichen Medizinuniversitäten beauftragt, ein klinisch-praktisches Jahr (KPJ) einzuführen, das es in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern seit Jahren gibt. Dies bedeutet, dass ab Herbst 2014 alle Studenten in ihrem letzten Studienjahr jeweils knapp 4 Monate Innere Medizin, Chirurgie und Wahlfächer zu absolvieren haben. Das Fach Radiologie kann auch als Wahlfach ausgesucht werden und wir wissen aus Erfahrungen von Deutschland und von Innsbruck, dass dies für einige Studenten interessant ist.


Wie ist diese Entwicklung im Zusammenhang mit der Turnusarztausbildung zu sehen?


In der Ärztekammer gibt es einen Beschluss, den „Turnus“ durch ein neunmonatiges Basisjahr zu ersetzen, das in die Ausbildung zum Facharzt bzw. zum Allgemeinmediziner integriert wird. Dies entspricht dem Trend, die klinisch-praktische Grundausbildung mehr ins Studium zu verlagern. Wir befinden uns im europäischen Hochschulraum und gerade die Wiener Studierenden gehören zu den mobilsten in Europa. Und wenn ein Student sieht, dass man zum Beispiel in Deutschland nach der Promotion eine Praxis eröffnen kann (wenngleich nicht unbedingt mit Kassenvertrag), so fragt er sich, warum er in Österreich nach einer Wartezeit einen dreijährigen Turnus machen soll, der de facto vier Jahre dauert, um dann mit einer Facharztausbildung beginnen zu dürfen.

 

Zurück zur Radiologie: Gibt es genug Kapazitäten, den Studierenden derartige Ausbildungsplätze in einem klinisch-praktischen Jahr anzubieten?


Die Medizinische Universität Wien wird die derzeitige Zahl von etwa 15 Lehrkrankenhäusern stark ausweiten und es werden alle radiologischen Abteilungen eingeladen, beim Unterricht mitzuwirken. Auch die anderen Universitäten haben Lehrkrankenhäuser und ich gehe davon aus, dass die radiologische Ausbildung im KPJ für die Studenten sehr attraktiv sein wird. Es ist zu erwarten, dass in den Spitälern, die eine Anerkennung als Lehrkrankenhaus erreichen, der ein bis vier Monate mitarbeitende KPJ-Student zum Alltag gehören wird.


Das wird nicht so einfach werden: Studenten zu betreuen erfordert Personal- und Sachaufwand und so, wie sich dies anhört, wird die zusätzliche Arbeit an den jeweiligen Oberärzten hängen bleiben.


Vorab ist zu sagen, dass ein Spital ja nicht gezwungen wird, Lehrkrankenhaus zu werden. Die Spitäler kommen von selbst zu uns und es entsteht bereits ein Wettbewerb, vor allem in ländlichen Regionen werden den Studenten diverse Vergünstigungen geboten.
Unser Ziel muss es sein, dass die KPJ-Studenten, wenn sie die radiologische Abteilung verlassen, dem Stammpersonal abgehen. Das heißt, es sind Konzepte zu entwickeln, dass sie effizient mithelfen und beitragen können, die Qualität unserer radiologischen Tätigkeit anzuheben. Jedem von uns fallen auf Anhieb Aufgaben ein, die wir aus Zeitgründen nicht schaffen und bei deren Lösung uns ein gut ausgebildeter Student am Ende seines Studiums helfen kann. Deshalb war es uns auch ein großes Anliegen, dass an der MedUniWien und ihren Lehrspitälern die Mindestdauer des KPJ vier Wochen beträgt, denn bei kürzerer Anwesenheit ist die Integration in den klinischen Alltag schwierig. Unsere Studierenden wollen dies auch: je mehr sinnvolle Arbeit zu erledigen ist, desto schöner wird das Praktikum empfunden.


Trotzdem: Studenten erfordern Betreuungstätigkeit, erwarten sich Erklärungen und nicht alle werden die Jahrgangsbesten sein.


Wir müssen hier ein mehr partnerschaftliches Rollenverständnis akzeptieren: Die Rolle des akademischen Lehrers ist die des Mentors, nicht einer Person, die „ex cathedra“ eine Vorlesung hält. Die Rolle eines KPJ-Studenten ist auch nicht die eines Famulanten im 4. Semester, der vorwiegend passiv zuhört und, sofern er sich traut, eine Frage stellt. Sicher ist ein gewisses Maß an Motivation, Begeisterung und auch Energie nötig, um die wundervolle Aufgabe zu erfüllen, jungen Menschen unser Fach näher zu bringen. Da Radiologie im KPJ ein Wahlfach ist, können wir annehmen, dass nur speziell Interessierte zu uns kommen wollen.


Radiologische Abteilungen in Lehrkrankenhäusern nehmen damit der Universitätsklinik die Arbeit ab mit allen damit zusammen hängenden Konsequenzen.


Die Lehrspitäler werden selbst wissen, was ihnen dieser Status wert ist. Aus den Erfahrungen seit 2005 wissen wir, dass dies für beide Partner ein Gewinn ist. Ein wichtiger Motivationsgrund wird sicher die Nachwuchsförderung sein und jede radiologische Abteilung wird sich überlegen wollen, wie viele Ausbildungsplätze sie bereit stellen wird. Die Lehrtätigkeit in die klinische Routinetätigkeit zu integrieren bedeutet nicht unbedingt die große Mehrarbeit, in einigen Fällen aber Verbesserungen in der Selbstorganisation unserer Abteilungen.
Für das KPJ-Wahlfach Radiologie gibt es in Wien bereits ein Konzept zu einem qualitativ hochwertigen Unterricht. Geplant ist auch ein regelmäßiger Gedankenaustausch mit Vertretern der Lehrkrankenhäuser, denn studentische Lehre ist heute ein sehr innovatives Gebiet mit laufend neuen Ideen, Publikationen usw. Dazu gehört auch der Aufbau eines e-Learnings. Prof. Herold, der Vorstand unserer Klinik, hat kürzlich ein Dutzend iPads zu diesem Zweck angekauft, weil wir davon ausgehen, dass der radiologische Unterricht vorwiegend über derartige Plattformen ablaufen wird.  


Welche Innovationen gibt es noch?


Das komplett fallbasierte Lernen, denn mit unseren Bildern lässt sich die Anatomie und die pathologische Anatomie enorm gut erklären. In Wien beginnt im Oktober des ersten Semesters das problemorientierte Lernen, das POL, mit einem radiologischen Thema: ein Thoraxröntgen und die damit zusammen hängenden klinischen Konsequenzen werden im Kleingruppenunterricht diskutiert. Es ist der Einstieg in den darauf aufbauenden radiologischen Unterricht, der fast zur Gänze bis zum Ende des 12. Semesters interaktiv mit Lehrfilmfällen gestaltet wird, d. h. es gibt kaum noch Vorlesungen.

 

3D-Rekonstruktionen wie hier von einer Mittelgesichtsfraktur eignen sich besser als andere Lernunterlagen zur Erklärung der pathologischen Anatomie


Ein Kritikpunkt ist, dass durch den Verlust der alten Hauptvorlesung das Fach Radiologie nicht mehr als eigenständige Disziplin wahrgenommen wird.


Die europäischen Universitäten „kippen“ seit den achtziger Jahren sukzessive aus dem alten fächerorientierten Unterricht mit Vorlesungen in neue Systeme mit interdisziplinärem Lernen in Kleingruppen. Das Wiener Curriculum ist besonders stark gekippt. Viele Disziplinen spielen daher als Fach nur mehr eine geringe Rolle bzw. sind reine Hülsen wie die Innere Medizin oder die Chirurgie, die zum Teil in ihre Subdisziplinen aufgeteilt sind.
Allerdings kommt der Kleingruppenunterricht der Art, wie wir Radiologen klinisch arbeiten, sehr entgegen. Unsere Lehrveranstaltungen sind sehr gut besucht und gut bis ausgezeichnet evaluiert, im Gegensatz zu den alten Vorlesungen, die de facto ein Fernstudium waren.
Unsere Aufgabe muss es sein, in dieser Umgebung dem Fach Radiologie ein klares Profil zu geben und gemeinsam mit strategischen Partnern den Unterricht eigenständig zu gestalten und zu prüfen. Bei etwa 7000 Unterrichtsstunden, die ein Student in 12 Semestern erlebt, wird er viele Röntgenbilder sehen. Die meisten – mit übrigens enden wollender Qualität – werden ihm Nichtradiologen zeigen, weil wir gar nicht so viel Personal für die Lehre haben.


Wer sind diese strategischen Partner?


Allen voran die Nuklearmedizin, mit der unter der Leitung von Prof. Dudczak und gemeinsam mit Prof. Kletter die bildgebende Diagnostik enorm stark verankert werden konnte. Weiters zu nennen sind die Anatomie und die anderen apparativen Fächer, vor allem Labormedizin. Für die Interventionelle Radiologie gibt es eine Kooperation zwischen Prof. Lammer und der Chirurgie. Traditionell pflegen wir auch die guten Kontakte mit Medizinphysikern und neuerdings mit der medizinischen Informatik.
Jedenfalls werden alle Bereiche der bildgebenden Diagnostik heute von Radiologen und Nuklearmedizinern unterrichtet. Das war nicht immer so. Seit Frau Prof. Prayer den Unterricht in Neuroradiologie übernommen hat, ist dieser Prozess abgeschlossen.


Wie sieht die konkrete Umsetzung eines solchen interdisziplinären Unterrichts aus?


In Wien gestalten wir im ersten Semester gemeinsam mit den Medizinphysikern das Seminar „Bilddiagnostik und Strahlenschutz“, daran anschließend die Röntgenanatomie in doppelt so großem Umfang wie in der alten Studienordnung.
Im drei Semester dauernden Sezierkurs werden von den Studierenden röntgenanatomische Lehrfälle bearbeitet, die mit den Präparierschritten thematisch abgestimmt sind. Dazu gibt es ein Praktikum mit Vorlesung in Kinderradiologie unter Leitung von Frau Prof. Rothschild-Vergesslich.
Im 7. und 8. Semester findet ein verpflichtender Ultraschallgrundkurs – also nicht nur eine Wahlausbildung – unter der Leitung von Doz. Bodner statt, uns ist keine andere Hochschule bekannt, wo dies der Fall wäre. Weiters gibt es eine Einführung in das Formulieren einer Zuweisung bzw. Indikationsstellung mit ausführlicher Prüfung, die von Doz. Prosch derzeit neu gestaltet wird.
In den letzten Studienjahren finden diagnostische Fallkonferenzen statt, die als Videokonferenzen mit ausgewählten Lehrkrankenhäusern gestaltet werden. In diesem Rahmen nehmen die Studierenden auch an den äußerst beliebten, von Prof. Pokieser entwickelten Web-Ambulanzen, teil.


Dies klingt nach viel Zeit- und Arbeitsaufwand. Wäre nicht trotzdem ein mehrwöchiges Modul oder ein Kurs für Radiologie zweckmäßiger und effizienter, wie es auch an den anderen österreichischen Medizinuniversitäten umgesetzt wird?


Nicht unbedingt, denn der Umfang von etwa 100 radiologischen Unterrichtsstunden ist nicht viel höher als früher und unterscheidet sich nicht von internationalen Zahlen. Größer geworden ist der Praktikumsanteil, den damit verbundenen Zeitaufwand reduzieren wir durch ein dosiertes e-Learning. Darauf haben wir geachtet, denn es war nicht unser Ziel, für die Radiologen unmotivierte Mehrarbeit zu erfinden.
Im zahnmedizinischen Studium haben wir ein zweiwöchiges Modul Dentalradiologie, das unter der Leitung von Prof. Gahleitner in Blockform abgehalten wird. Das didaktische Prinzip bzw. die Philosophie dieses Curriculums ist etwas anders als in der Humanmedizin und die Radiologie muss sich wie alle Fächer an den jeweils vorgegebenen Rahmen halten.   


Kann man im Fach Radiologie dissertieren oder ist dies ebenfalls nur mehr „interdisziplinär“ möglich?


Die Dissertation ist seit einigen Jahren ein eigenes 6-semestriges PhD-Studium im Anschluss an ein Diplomstudium, meist mit einem Anstellungsverhältnis an der MedUniWien. An der Klinik für Radiodiagnostik sind derzeit über ein Dutzend PhD-Studenten tätig, ein Teil davon macht parallel die Ausbildung zum Facharzt, andere sind graduierte Physiker oder Informatiker. Ihr Studium absolvieren sie in verschiedenen PhD-Programmen, die meisten in Medical Physics, Neurosciences, Bone and Joint Regeneration oder Vascular Biology. Ein PhD-Programm mit dem Titel „Biomedical Imaging“ liegt fertig in der Schublade und wir hoffen, es einmal genehmigt zu bekommen.
Das Angebot eine Diplomarbeit im Fach Radiologie zu machen, nehmen jährlich etwa 20 bis 30 Studierende wahr. Einige haben anschließend eine Facharztausbildung begonnen und gehören zu den besten Nachwuchskräften unseres Faches in Österreich.


Um jetzt nicht den Überblick bei dieser Vielzahl an Aktivitäten und Entwicklungen zu verlieren: Was sind die Eckpunkte bzw. die nächsten wichtigen Entwicklungsschritte in der radiologischen Didaktik und Lehre?


Ähnlich wie in der klinischen Versorgung sollte die Radiologie auch das Rückgrat in der Lehre sein, den Studierenden sollten wir klar vermitteln, dass die Kompetenz, Diagnostik zu lehren, bei den Radiologen liegt. Unser didaktisches Gesamtkonzept ist, den Unterreicht als großen Kurs für das Abfassen guter Zuweisungen zu gestalten. Das bedeutet unter anderem, dass sich Radiologen als Lehrer bei der Erstellung von Lehrfilmfällen viel mehr mit den Facetten der Indikationsstellung, nicht zuletzt auch mit den Kosten, befassen müssen.
Medizinische Didaktik ist seit den 90er Jahren eine selbständige Disziplin geworden mit eigenen Hochschulinstituten, in PubMed gelisteten Journalen und diversen Kongressen. Hier bringen wir uns mit eigenen didaktischen Projekten ein, 3D-Bildgebung, Ultraschall, fMRI oder Teleradiologie sind beispielsweise hervorragend didaktische Instrumente. Ein wichtiger Schritt zu unserer Profilbildung war die „Orientierungshilfe Radiologie“, die wir als offizielle Lernunterlage verwenden. Ebenso das in Wien entstandene Lehrbuch, das kürzlich in seiner 2. Auflage von Breitenseher, Pokieser und Lechner herausgegeben wurde. Eine weitere Maßnahme ist die Personalentwicklung durch ein von Frau Prof. Maier geplantes Teach-the-Teacher-Programm.
Wenn richtig umgesetzt, kann studentische Lehre eine hervorragende Möglichkeit der Selbstdarstellung des Faches Radiologie und der gezielten Nachwuchsförderung sein.
 


Prof. Dr. Franz Kainberger ist an der Universitätsklinik für Radiodiagnostik Wien für die prägraduelle Lehre zuständig und an der Medizinischen Universität Wien Mitglied der Curriculumdirektion Humanmedizin für den klinischen Unterricht und die Lehrkrankenhäuser.