REPLIK

Replik auf den Artikel „Interventionelle Gefäßtherapie: Quo vadis?“ in CHIRURGIE Ausgabe 2/2016

Interventionelle Gefäßtherapie: Quo vadis?
Artikel in der Zeitschrift CHIRURGIE, 2/2016
Herausgeber: Berufsverband Österreichischer Chirurgen (BÖC) und der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie (ÖGC)
Autor: Prim. PD Dr. A. Assadian
Abteilung für vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie
Wilhelminenspital Wien
Montleartstrasse 37
1160 Wien

Interventionelle Gefäßtherapie: Quo vadis?
Unter  „Themen der Zeit“ beleuchtet A. Assadian in der Zeitschrift „Der Chirurg“ (Organ des Berufsverbandes österreichischer Chirurgen) die „Interventionelle Gefäßtherapie“ aus seinem offenbar sehr persönlichen Blickwinkel und fragt: quo vadis? (1) Dabei bedient sich  der Autor einer Vielzahl von fehlerhaften, inkorrekten und unsachlichen Argumenten,  um die Radiologie im Allgemeinen und die Interventionelle Radiologie im Besonderen abzuwerten. Die ÖRG hat daher gemeinsam mit der ÖGIR einen Leserbrief an die Zeitschrift „Der Chirurg“ gerichtet, um dieser Polemik entgegen zu treten. Leider wurde von der Schriftleitung trotz dringenden Ersuchens die Publikation dieses Leserbriefes verweigert, sodass dieser Diskussionsprozess in diesem Medium nicht zu führen ist.

ÖRG und ÖGIR sind aber gerne bereit, diese Diskussion mit Exponenten der Gefäßchirurgie zu führen, solange die Fakten dabei im Vordergrund stehen. Was die Struktur der Interventionellen Radiologie betrifft, hat die äußerst innovative moderne Entwicklung endovaskulärer Interventionen zu einer hohen Organisationsform und Expertise in Österreich geführt, was sich in einer abgestuften, flächendeckenden Versorgung der PatientInnen mit interventionell-radiologischen Leistungen im stationären Bereich niederschlägt. Es seien daher an dieser Stelle die Fakten zu interventionell-radiologischer Ausbildung und Versorgung sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit Gefäßchirurgie-Radiologie dargelegt.

Versorgungsrealität und Ausbildung
Während sich der Autor Sorgen über die neuen Realitäten des Arbeitszeitgesetzes der Ausbildungsordnung, sowie der Ausbildung im Gesamten macht, haben die Interventionellen Radiologen (IRs) längst Strukturen geschaffen, die diesen Anforderungen entsprechen.

In der Interventionellen Radiologie konnten in den letzten Jahren eine Vielzahl von jungen engagierten Kollegen nicht nur für das Fach begeistert, sondern auch aktiv ausgebildet werden. Hierfür wurde etwa innerhalb des Krankenanstaltenverbundes der Gemeinde Wien (KAV) erstmalig eine Situation geschaffen, bei der von einer eigens definierten und mit höchster Erfahrung besetzten Führungskraft  (F.K.) , die Ausbildung aller Interventionalisten in einem Pool zusammenfasst wurde.

Dieses Projekt ist hausübergreifend organisiert, strukturiert, und vor allem sehr erfolgreich und das trotz - oder sagen wir lieber - bei voller Erfüllung des Arbeitszeitgesetzes. Es gibt auch in den Bundesländern keinen Mangel an Nachwuchs in der Interventionellen Radiologie. Wir können daher die Klagen und Sorgen des Autors  über einen Ausbildungs- oder Nachwuchsnotstand gut  verstehen, aber für die (Interventionelle) Radiologie keineswegs teilen!

Ausbildungsordnung neu
In sehr schräges Licht rückt der Autor die neue Ausbildungsordnung: möglicherweise ist ihm aber entgangen, dass diese u.a. von seiner eigenen Fachvertretung in mühevollen, langwierigen jedoch stets von gegenseitigem Respekt getragenen Verhandlungen in der ÖÄK erarbeitet wurden. Die gefassten Beschlüsse bezüglich der Ausbildungsordnungen sind naturgemäß Kompromisse, die aber im Blick auf eine zukünftige Entwicklung allen Fächern die notwendigen Strukturen und Entwicklungspotentiale einräumt.

Wenn der Autor aber die Österreichische Ausbildungsordnung selektiv bis falsch zitiert, so kann dies nicht unwidersprochen bleiben. Im Sonderfach Radiologie sind in der Basisausbildung 80 interventionelle und minimal-invasive radiologische Eingriffe vorgesehen. Wenn der Autor schreibt, „darin enthalten sind überwiegend Ultraschall- und CT-gezielte Punktionen sowie Probe-Gewinnungen“, so ist dies reines Wunschdenken. Natürlich sind hier endovaskuläre Verfahren inkludiert. Faktum ist weiters, dass in der Sonderfach-Schwerpunktausbildung Radiologie im Modul 3 insgesamt 65 arterielle und venöse Interventionen (Abb. 1) verpflichtend gefordert sind (2).

Im Sonderfach Gefäßchirurgie sind in der Sonderfach-Schwerpunktausbildung laut Autor „zumindest 145 arterielle und venöse, Katheter-basierte Eingriffe zur Erlangung des Facharzttitels zu erbringen“. Dies ist bei Durchsicht der Ausbildungsordnung Gefäßchirurgie nicht korrekt (Abb. 2). So rechnet offenbar der Autor auch arterielle Angiographien als intraoperative Befundkontrolle zu endovaskulären Interventionen. Die einzigen „endovaskulären“ Eingriffe sind Embolektomien/Thrombektomien an Extremitäten und Gefäßen (insgesamt 30). Die in der Ausbildung angeführten Stent-Implantationen oder Lyse-Therapien sind mit „allfällig“ bezeichnet und daher nicht verpflichtend in der Ausbildung zu absolvieren (3). Dies bedeutet, dass lediglich in der Sonderfach-Schwerpunktausbildung Radiologie die verpflichtende Durchführung von endovaskulären Eingriffen enthalten ist.

Klinische Verantwortung
Dass eine umfassende Präsenz und Versorgung die einzige Antwort auf die klinische Verantwortung für Patienten darstellt, ist wohl klar. Und damit zur klinischen Verantwortung, welche der Autor bei Interventionellen Radiologen bemängelt: Wir gehen völlig konform mit der Anforderung, dass Interventionelle Radiologen klinische Verantwortung zu leisten haben und klinisches Wissen und Anwendung stets die Grundlage allen medizinischen Handelns darstellt.

Historisch gesehen ist dies auch sicherlich ein Punkt, in welchem die Radiologie in der Tat aufzuholen hatte, mit dem Prozess der Entwicklung von einem rein diagnostischen Fach zu einem behandelnden Fach. Die Radiologie hat diese Kritik von Beginn an sehr ernst genommen, mit dem Ergebnis, dass zur Zeit bereits Interventionelle Radiologen Praxen führen, dass es Betten-belegende IRs gibt, und IRs Visiten und Patientenbesuche durchführen. Diesen Kollegen ist wohl schwer klinische Unerfahrenheit und Patientenferne vorzuwerfen. Auch wenn es die Entwicklung und einige Zeit gebraucht hat: der klinische Radiologe kann es - nämlich Diagnostik und Therapie, personalisiert und patientenorientiert klinisch umsetzen.

„Die Zukunft der endovaskulären Therapie – ohne Radiologie?“
Zugleich können wir auf dieser Basis dann auch gleich jenen absurden Überlegungen begegnen, welche in der Aufsplitterung der diversen Interventionellen Leistungen auf die einzelnen Fachgebiete bestehen. Die Idee der „Teilbereichsinterventionen“ ist ebenfalls nicht gerade neu, sondern eher ein Relikt aus der Steinzeit der Intervention, mit der Vorstellung des „interventionellen Schrebergärtchens“ für jedermann, das man so nebenbei betreiben könnte. Niemand Ernstzunehmender kann dies heute mehr fordern. Wer sollte denn die Transarteriellen Chemoembolisationen, Radioembolisationen, Gallengangsdrainagen, TIPSS, Cavafilterimplantationen, etc. übernehmen?

Diese Eingriffe zu beherrschen bedarf jahrelanger Erfahrung und permanenter Übung. Die Idee, komplexe Eingriffe, wie etwa die Embolisation eines blutenden Gastrointestinalgefäßes (und mögliche Komplikationen) so nebenbei meistern zu können, ist schlichtweg abwegig und würde die in Österreich gut funktionierende (und durch die Radiologie gewährleistete) Versorgung der PatientInnen mit diesen Leistungen signifikant verschlechtern.

Die Zukunft
Wir sollten den bisherigen, oft von kritischen Diskussionen begleiteten gemeinsamen Weg von Gefäßchirurgie und Interventioneller Radiologie auch weiterhin beschreiten.

Wir sollten nicht zulassen, dass die in der überwiegenden Mehrzahl der Institutionen sehr gut funktionierende und von gegenseitiger Wertschätzung getragene interdisziplinäre Zusammenarbeit von Gefäßchirurgie und Interventioneller Radiologie durch Einzelmeinungen abgewertet wird. Die Versorgung der immer zahlreicher werdenden Gefäßpatienten in Österreich wird große Anstrengungen unserer Fächer erfordern, die wir nur gemeinsam schaffen werden!

Thomas Rand
Vorstand des Institutes für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Krankenhaus Hietzing mit Neurologischen Zentrum Rosenhügel

Christian Loewe
Stellvertretender Abteilungsleiter
Klinische Abteilung für Kardiovaskuläre und Interventionelle Radiologie
Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Wien

Wolfgang Schima
Präsident, Österreichische Röntgengesellschaft
Leiter der Abteilung für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
KH Göttlicher Heiland, KH der Barmherzigen Schwestern Wien und Sankt Josef Krankenhaus

Reto Bale
Präsident, Österreichische Gesellschaft für Interventionelle Radiologie & minimal-invasive Therapie
Leiter der Sektion Mikroinvasive Therapie (SIP), Abteilung für Radiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Literatur
1.    Assadian A. Interventionell Gefäßtherapie: Quo vadis? Chirurg 2016; 2: 24-25
2.    Ausbildungsinhalte zum Sonderfach Gefäßchirurgie, http://www.aerztekammer.at/fachaerzte2015#Anl6
3.    Ausbildungsinhalte zum Sonderfach Radiologie, http://www.aerztekammer.at/fachaerzte2015#Anl29

Abbildungen

Abb. 1: Sonderfach-Schwerpunktausbildung Radiologie Modul 3: zu erwerbende Fertigkeiten (Auszug)


Abb. 2: Sonderfach-Schwerpunktausbildung Gefäßchirurgie: zu erwerbende Fertigkeiten (Auszug)

Korrespondenz:
Prim. Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schima, MSc
Präsident der Österr. Röntgengesellschaft
Email: office@oerg.at