THE CUBE

The Cube – oder wie können wir dazu beitragen, die Zukunft der Interventionellen Radiologie zu sichern?

Christian Loewe (CL), Cube Co-Coordinator am ECR 2018, im Interview. Interview wurde geführt von Thomas Rand (TR)

TR: Beim ECR 2018 gab es zum ersten Mal einen Interventionell-Radiologischen Event, „the Cube“. Können Sie einmal ganz kurz beschreiben, was ist/war der Cube?

CL: Die zentrale Idee das Cube im Rahmen des ECR 2018 war, jungen AusbildungsärztInnen einen möglichst niederschwelligen Kontakt zur Interventionellen Radiologie zu ermöglichen. Wir wollten, unabhängig vom üblichen, strukturierten Refresher-Kurs-Programm im Rahmen der großen Kongresse, zeigen, wie cool, innovativ und spannend Interventionelle Radiologie sein kann beziehungsweise ist. Traditionell ist beim ECR die Interventionelle Radiologie nicht schwerpunktmäßig vertreten – weder im Bereich des Kongressprogramms noch im Bereich der Industrieausstellung.

Hier gab und gibt es eine durchaus sinnvolle Aufteilung aufgrund der sehr erfolgreichen Tätigkeit von CIRSE auf europäischer Ebene und dem IROS – Intervenionell-Radiologisches Olbert Symposium auf deutschsprachiger Ebene. Da wir mit dem Cube – siehe weiter unten! – vor allem junge AusbilungsärztInnen, welche erfahrungsgemäß zum ECR fahren, ansprechen wollten, macht es Sinn, so etwas im Rahmen des ECR zu organisieren. Zur CIRSE fahren KollegInnen, die schon wissen, dass sie IR machen möchten oder bereits in der IR tätig sind – wir wollten KollegInnen noch vor ihrer Entscheidung für eine bestimmte Subspezialität erreichen.

TR: Was war die Motivation den Cube zu organisieren?

CL: Die Motivation, den „Cube“ zu organisieren war vielschichtig: zum einen beobachten wir in Europa, und damit auch in Österreich, einen teilweise extremen Nachwuchsmangel in der Interventionellen Radiologie (IR). Die Generation der „Pioniere“, die oft als Ein-Personen-Team in ihrem jeweiligen Wirkungsfeld IR etabliert und weiterentwickelt haben, nähert sich dem Pensionsalter, und nicht überall ist schlagkräftiger Nachwuchs in Sicht. Das liegt zum einen möglicherweise am doch intensiven Kommittent, welches die IR (im Vergleich zur diagnostischen Radiologie) erfordert, zum anderen aber sicherlich auch daran, dass in den meisten Institutionen die IR ganz am Ende der Ausbildung an der Reihe ist – und viele besonders engagierte KollegInnen haben dann ihr Herz schon an andere spannende Teilbereiche der Radiologie „verloren“.

Daher wollten wir mit dem Cube ganz speziell ganz junge KollegInnen ansprechen, und ihnen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt ihrer Facharztausbildung die Möglichkeit zu geben, IR Luft zu schnuppern und im wahrsten Sinn des Wortes IR und das Spektrum zu „begreifen“. Und in Anbetracht dieser Zielgruppe machte es auch absolut Sinn, den Cube im Rahmen des ECR zu organisieren, weil hier viele KollegInnen teilnehmen, die noch am Anfang ihrer radiologischen Karriere stehen und  sich noch nicht für eine Subspezialität entschieden haben.

TR: Wieso „Cube“?

CL: Es war von Anfang die klare Idee, den „Cube“ als echtes Event zu inszenieren und möglichst breite Aufmerksamkeit zu erzielen. Dadurch war ebenso von Anfang an klar, dass das im Austria Center nicht klappen würde, man einen speziellen Venue für dieses spezielle Event brauchen würde. Peter Baierl und der ECR Organisation gelang es, die Donaucitykirche beziehungsweise deren Veranstaltungsraum für dieses spezielle Event nutzen zu dürfen. Der anfängliche Arbeitstitel des Events „the dome“ wurde aufgrund der sehr auffälligen Architektur der Donaucitykirche – übrigens der jüngsten Kirche Wien – in „the Cube“ abgeändert.

Wir griffen den Namen in unserem Programm auch durchgehend auf und teilten nicht nur eigens gestaltete „Rubik‘s Cubes“ an die TeilnehmerInnen als give aways aus, sondern Prof. Maximilian de Bucourt, mein Co-organisator aus Berlin, demonstrierte im Rahmen einer Mittagsveranstaltung auch wie man den Rubik-Cube löst. Der Cube, ein perfektes Symbol dessen, worauf es bei der IR besonders ankommt – die Kombination von manueller Geschicklichkeit und schnellem Denken! Und so wurde im Laufe des ECR 2018 „the Cube“ rasch zum Begriff für ein neues, spannendes, innovatives Projekt!

TR: Wie genau lief das ab?

CL: Die Definition des Inhalts und die Ausgestaltung waren anfangs nicht einfach. Wir wollten etwas machen, was „Aufsehen“ erregt, aber auf jeden Fall auf hohem edukativem Niveau. Also nicht alleine Show, sondern Wissensvermittlung – aber eben frischer, direkter und „anders“ als man es gewohnt ist. Und anders sein ist ja gar nicht so einfach! Daher führten wir (Max und ich) von Anfang an (der Start zu den Vorbereitungen war im Herbst 2017, also gar nicht zu viel Zeit!) intensive Gespräche mit unseren Partnern der Device-industrie, um auch von ihnen zu hören, welche Ideen und Möglichkeiten auf Seiten der Industrie bestanden, um möglichst frisch und „jung“ ein 4 Tage dauerndes Interventionelle Radiologie Event zu gestalten. Schnell war klar, dass wir vor allem hands-on bieten wollten, wirklich IR zum „anfassen“, zum „begreifen“ bieten wollten. Wir stellten jeden Tag unter ein Tagesmotto: entsprechend der wesentlichen Säulen der IR waren das „periphery“, „central – aorta“, „oncology“ und „neuro“. Jeder Thementag war im Groben sehr ähnlich aufgebaut.

© A. Lark / ESR

Wir starteten mit einer „tool oft he trade session“, wo in einem Kurzvortrag das wesentliche Material im jeweiligen Tätigkeitsbereich vorgestellt wurde. Also am Tag 1 vor allem Führungsdrähte, Ballons, Stents und peripher Stentgrafts; am nächsten Tag gab es eine Übersicht über Stentgrafts; dann RFA, Microwelle, TACE, SIRT und ähnliches, und am letzten Tag Aspiration und Retriever. Das besondere an diesen sessions war aber, dass nicht nur die jeweiligen Vortragenden die jeweiligen Materialien live vorzeigten, sondern dass die TeilnehmerInnen diese zeitgleich genauso zur Verfügung hatten.

Jede und jeder konnte wirklich das gesamte Instrumentarium im wahrsten Sinn des Wortes „begreifen“, jede und jeder konnte einen Stent und auch einen Stentgraft selber absetzen (und mit nach Hause nehmen!), jede und jeder konnte eine Microcoil absetzen. Für die meisten war es wirklich das erste Mal, ein solches device in der Hand halten zu können, und entsprechen war die Begeisterung. Direkt nach dieser „tools oft he trade session“ schwärmten die TeilnehmerInnen aus zu den zahlreichen Simulatoren und Gefäßmodellen, und konnten genau diese Materialien und devices sofort anwenden und verwenden.

© D. Walchshofer / ESR

Zu Mittag gab es jeweils ein Event („epic fails“), dann war wieder Simulatortraining in Kleinstgruppen dran, und am Nachmittag gab es jeweils zum Tagesthema passend einen Kurzvortrag zu „emergencies“ – passend zum Thema des diesjährigen „International Day of Radiology“. Insgesamt war das Programm sehr dicht, aber ich denke eine sehr gelungene Mischung aus Kurzvorträgen und praktisches Arbeiten in Kleingruppen.

TR: Wie viel Leute nahmen teil?

CL: Wir definierten vor dem Start eine maximale TeilnehmerInnenzahl von 50 Personen pro Halbtag, vor allem auch unter der Annahme, dass die KollegInnen primär wegen des eigentlichen ECR nach Wien kommen, und nicht wegen des Cube, und somit nur beschränkte Zeit haben würden. Da für den Cube keine extra Teilnahmegebühren eingehoben wurden, hatten wir beschlossen, 30 Plätze pro Halbtag online per Preregistration zu vergeben, und den Rest onsite. Aufgrund der erstaunlich und unerwartet hohen Nachfrage sofort nach Freischalten der Online-Registrierung erhöhten wir diese Zahl auf 35.

Im Endeffekt mussten wir leider eine relativ hohe „no-show“ der online Registrierten zur Kenntnis nehmen, aber die Nachfrage on-site war so hoch, dass wir trotz Erhöhung der maximalen Teilnehmerzahl auf bis zu 70 pro Halbtag jeden Tag einige Interessierte wegschicken mussten. Insgesamt hatten wir so über 400 TeilnehmerInnen. Für die KollegInnen, die wir nicht mehr hineinlassen konnten, wurden aber die regulären Vorträge des „Cube“ für das on demand Service des ECR gestreamt und waren dort abrufbar.

TR: Was war für Sie das Besondere am Cube?

CL: Da gibt es Einiges! Besonders war für mich die Vorbereitung: der ganze „Cube“ wurde von einer extrem kleinen Truppe organisiert: das waren Herr Anthony Lark und Herr Konrad Friedrich vom ECR Office, Max de Bucourt von der Charite, und ich. Die Zusammenarbeit in diesem kleinen Team war sehr intensiv – aber auch wirklich etwas Besonderes, weil ohne viele Worte alle 4 in die gleiche Richtung gearbeitet haben.

Besonders war die unglaubliche Bereitschaft der Industrie in das kalte „Cube“ Wasser zu springen. Als Max und ich die intensiven Gespräche mit der Industrie aufnahmen – besonders intensiv war dann der IROS 2018 in Salzburg – hatten wir ja nichts anzubieten! Wir hatten kein Produkt, nur eine Idee und viel Enthusiasmus! Dass die Firmen, die üblicherweise gar keinen Kontakt mit dem ECR haben oder hatten, in der Form in der sie das dann im Endeffekt taten, mitzumachen, war alles andere als selbstverständlich und wirklich etwas Besonderes.

© D. Walchshofer / ESR

Die Menge und Vielfalt an Demonstrationsmaterialien, die wir zur Verfügung gestellt bekamen, sprengte wirklich alles, was wir uns erhofft hatten, und ich denke, die Momente, in denen wirklich jede/r TeilnehmerIn ihren eigenen peripheren Stentgraft absetzen konnten, gehörten zu den ganz besonderen Momenten des „Cube. Und es hat wohl kaum jemals zuvor ein Event gegeben, wo dermaßen viele Simulatoren und Flußmodelle gleichzeitig in einem Raum vorhanden waren. Und ich habe noch nie zuvor einen Kongress gesehen, wo in der Zusammenarbeit mit der Industrie das Marketing so weit in den Hintergrund rückte wie beim „Cube“. Hier ging es ausschließlich um die Zukunft der IR bzw. die zukünftigen interventionellen RadiologInnen.

„Ganz besonders besonders“ war aber die Atmosphäre im „Cube“: ich habe wirklich noch nie eine dermaßen positive, entspannte, aber gleichzeitig besonders interessierte Atmosphäre bei einem Kongress erlebt wie im „Cube“ – und das hat mich persönlich besonders gefreut, denn das war genau was wir erreichen wollten: ein ebenso entspanntes wie interessiertes Arbeiten mit Freude an der IR!

Und für mich ganz besonders waren die E-Mails, die ich nach dem ECR von TeilnehmerInnen erhielt, die sich einfach bedankt haben, dass es den „Cube“ gab und die mir geschrieben haben, dass sie seit dem „Cube“ nun wissen, dass sie in die IR gehen wollen. Mission Accomplished!

© A. Lark / ESR

TR: Was war das schwierigste in der Vorbereitung?

CL: Der Start. Wir hatten den Plan, ein spezielles IR Event zu organisieren, aber mussten das völlig aus dem Nichts organisieren – und das in ziemlich kurzer Zeit. Aber sobald wir das prinzipielle Konzept hatten, begann es zu laufen and hat zum Glück am Ende richtig abgehoben!

TR: Wird es 2019 wieder einen Cube geben?

CL: Ja! IR ist spannend, innovativ – und wichtig für die gesamte Radiologie! Das klare Bekenntnis der Radiologie zur Interventionellen Radiologie als integraler Bestandteil ist ebenso entscheidend für das Überleben der IR wie die gezielte und möglichst frühzeitige Nachwuchsförderung. Daher wird ESR/ECR diese erfolgreiche Initiative auch 2019 fortsetzen!